Sie sind hier: Startseite << Kinder << Sorgenkinder << Essstörungen


Essstörungen

Obwohl Ess-Störungen als moderne Zivilisationskrankheit gelten, gibt es historische Zeugnisse, die belegen, dass dieses Krankheitsbild auch schon früher existiert hat. So zum Beispiel bei der berühmten österreichischen Kaiserin Sissi im 19. Jahrhundert, die in ihrem Tagebuch den Verlauf ihrer Magersucht mit allen Begleiterscheinungen unwissentlich genau beschrieben hat.

Heute sind die Ess-Störungen als Krankheit anerkannt, ihre Symptome sind beschrieben und die Ursachen werden erforscht.

Was sind Essstörungen?
Was sind die Ursachen von Essstörungen?
Wie können Eltern bei Essstörungen helfen?
Worauf sollten Eltern achten, um Essstörungen vorzubeugen?

Was sind Essstörungen?

Nicht jedes gestörte Essverhalten ist krank, sondern häufig der Versuch, durch mehr oder weniger strenge Diäten die gewünschte Figur zu bekommen.

Unsere "Wohlstandsgesellschaft" neigt durch falsche Ernährungsgewohnheiten und mangelnde Bewegung eher zu Übergewicht. Das herrschende Schönheitsideal fordert jedoch den schlanken und durchtrainierten Körper.

Es gibt ganze Fitness- und Nahrungsindustrien, die mit den unterschiedlichsten Mitteln und Methoden diese schwierige Kontrolle des Essverhaltens erleichtern wollen und damit auch den Körperkult fördern.

Dickere, insbesondere junge Menschen gelten als träge, willensschwach und wenig leistungsbewusst, sodass sie auch tatsächlich - zum Beispiel im Berufsleben - oft schlechtere Chancen haben. So wundert es nicht, dass künstliche Steuerung des Ess-Verhaltens immer stärker zunimmt.

Bei den Ess-Störungen im medizinischen Sinn nimmt dieses reglementierte Ess- Verhalten immer zwanghaftere Züge und Formen an:

Magersucht:

  • niedriges Körpergewicht (unter 80 % des Normalgewichts) und abgemagerte Figur,
  • große Angst vor Gewichtszunahme,
  • extrem vom Gewicht abhängiges Selbstwertgefühl,
  • Krankheitsverleugnung,
  • Ausbleiben der Menstruation;

Bulimie (Ess-Brech-Sucht):

  • unteres Normalgewicht und sehr schlanke Figur,
  • Heißhungerattacken werden mit Mengen an kalorienreicher Nahrung gestillt, die danach erbrochen wird,
  • Ersatzhandlungen zur Vermeidung von Gewichtszunahme wie zum Beispiel exzessiver Sport,
  • Heißhungerattacken, Erbrechen und Ersatzhandlungen werden mindestens zweimal pro Woche über mindestens drei Monate beibehalten,
  • ausgeprägte Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von Gewicht und Figur;

Ess-Sucht:

  • wiederholte Phasen von Heißhungerattacken,
  • diese treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:
    • schnelles Hineinschlingen der Nahrung,
    • Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,
    • Essen großer Mengen ohne Hungergefühl,
    • heimliches Essen aus Scham über die Mengen,
    • Ekelgefühle, Deprimiertheit, Schuldgefühle wegen der Zwanghaftigkeit und der Menge des Essens;
  • die Heißhungerattacken treten an mindestens zwei Tagen in der Woche für sechs Monate auf.

Daneben können auch Mischformen auftreten.

Organisch-medizinische Nebenwirkungen machen sich durch Zahnkaries und Drüsenschwellungen im Gesicht, durch Herz-Kreislaufstörungen, Entzündungen im Magen-Darm-Trakt, durch Stoffwechsel- und Hormonstörungen, Hautveränderungen, Nierenschädigung und im Nervensystem bemerkbar.

Dazu kommt häufig noch die Einnahme von Arzneimitteln zur Abstützung des Fastens bzw. zur Entleerung des Körpers, auch kombiniert mit Psychopharmaka zur Aufrechterhaltung des Leistungsvermögens.

Dabei sind insbesondere bei der Magersucht nicht nur die Mangel- und Folgeerscheinungen zu diagnostizieren, sondern durch extremes Untergewicht oft auch eine akute Lebensbedrohung.

Typisch für alle Formen ist auch die zunehmende Verengung des Alltags auf das Essen bzw. seine Vermeidung, sodass über kurz oder lang auch die Alltagsverpflichtungen und sozialen Beziehungen vernachlässigt werden oder am Ende nicht mehr aufrechterhalten werden können.

Was sind Ursachen der Essstörungen?

Die Ursachen lassen sich in der Regel in der Familiengeschichte, in den familiären Beziehungen und im Familienklima finden.

Dabei hat man (hier grob verallgemeinert) festgestellt, dass das essgestörte Kind - meistens die Tochter - zum Symptomträger wird. Das heißt, dass es mit seiner Krankheit schwelende Familienkonflikte indirekt zum Ausdruck bringt und so zum "Sorgenkind", manchmal auch zum "Sündenbock" wird.

Das Kind zieht die Sorge und Aufmerksamkeit der restlichen Familie auf sich und lenkt so von den eigentlichen Problemen in der Familie ab.

Typisch ist, dass Konflikte nicht offen ausgetragen werden, um die Harmonie nicht zu stören.

Gleichzeitig werden hohe Erwartungen an ein perfektes Erscheinungsbild aller Familienmitglieder nach außen gestellt.

Dadurch werden Gefühle unterdrückt und echte Auseinandersetzung und Anerkennung versagt, was das Familienklima schwelend frostig und unterschwellig aggressiv macht.

Im Bewusstsein, nur das Beste zu wollen, zählt den Kindern gegenüber Vernunft und Leistung, nicht Gefühl oder Schwäche.

Materieller Wohlstand wird bevorzugt in die Ausbildung und Leistungsbereitschaft der Kinder investiert, oft auch auf die Gefahr hin, diese zu überfordern.

Es sind hauptsächlich Mädchen, die sich diesem hohen Erwartungsdruck fügen und danach streben, diesem Perfektionismus gerecht zu werden. Sie werden deshalb oft als sehr ehrgeizig und intelligent, willensstark und selbstbewusst beschrieben, sodass sie auch sehr lange von ihrer Krankheit ablenken können.

Magersüchtige Mädchen sind oft begeisterte Köchinnen, die die Familie bekochen, ohne auch nur ein einziges Mal von den Zubereitungen zu naschen, oder Sportlerinnen, die sich das Letzte abverlangen.

Die Mädchen benutzen ihren Körper, um diesem Druck zu entkommen wie auch als "lebende Anklage" ihrer Familie und Umwelt gegenüber. Die totale Selbstkontrolle wird als Beweis persönlicher Stärke und Unanfechtbarkeit gewertet, während der Körper in seinem geschwächten und kranken Zustand Appelle an die Fürsorge und Zuwendung der Eltern signalisiert.

Wie können Eltern bei Essstörungen helfen?

Eltern werden bei Essstörungen ihrer Kinder sehr hart mit sich selbst konfrontiert, zumal wenn es sich um lebensbedrohliche Zustände wie bei einer Magersucht oder um die Exzesse einer Bulimie handelt.

Sie sollten sich nicht durch die oben beschriebenen Ursachen abschrecken lassen, sondern sich selbst gegenüber ehrlich und ohne Schuldgefühle überlegen, was sie als Mutter und als Vater daran ändern können. Dazu ist es notwendig, sich füreinander Zeit zu nehmen und sich gegenseitig gut zuzuhören.

Betroffene sind meistens nicht in der Lage zu sagen, was ihnen gut tut. Deshalb geben ehemalige Patientinnen folgende Ratschläge an Eltern, wie sie sich am besten verhalten können, um ihrem Kind aus seiner Not zu helfen:

  • Nicht direkt auf das Essen, Gewicht oder Figur ansprechen, sondern fragen, wie es geht.
  • Ausreden wie "Schuld sind die Schilddrüse oder die Verdauung!" durchschauen und die Probleme dahinter kennen lernen.
  • Anerkennung und Lob aussprechen, Leistung nicht als etwas Selbstverständliches betrachten.
  • Mehr Aufmerksamkeit schenken und akzeptieren, dass Kinder sich loslösen wollen.
  • Anstatt nur über Ess-Probleme zu diskutieren, lieber in eine Beratungsstelle gehen.
  • Keinen Zwang - auch nicht zu einer Therapie - auferlegen oder selbst Initiativen starten, sondern Eigeninitiative beim Kind anregen und unterstützen.
  • Die Essstörungen nicht totschweigen, sondern sachlich darüber sprechen.
  • Nicht zum Essen zwingen oder dazu überreden, denn Betroffene können nicht mehr normal essen.
  • Eltern sollten nicht in die Rolle von Therapeuten oder der besten Freundin schlüpfen.
  • Das Kind nicht nur auf die Essstörungen reduzieren, sondern die ganze Person wahrnehmen; sie aber auch nicht wie ein "rohes Ei", sondern ganz normal behandeln.
  • Sich über die Krankheit gründlich informieren.
  • Sich selbst Hilfe bei einer Elterngruppe suchen und sich nicht die alleinige Schuld an der Krankheit geben, das entlastet die Betroffenen.

Bei allen Essstörungen sollte auf jeden Fall regelmäßig eine ärztliche Kontrolle durchgeführt werden.

Bei lebensbedrohlichen Zuständen wie bei einer Magersucht sollte möglichst frühzeitig eine Klinik aufgesucht werden.

Parallel dazu, am besten durch eine Elterngruppe unterstützt, können Eltern ihr Kind auf dem Weg in eine Therapie behutsam begleiten.

Sie sollten sich über die Möglichkeiten informieren und auch zu einer Familientherapie bereit sein. Informationen zu den Möglichkeiten der Hilfe können Sie sich beim örtlichen Jugendamt und bei Erziehungsberatungsstellen oder psychosozialen Beratungsstellen holen oder in manchen Orten bei Selbsthilfegruppen für Ess-Störungen.

Stationäre Therapien werden in der Regel in psychosomatischen Kliniken angeboten, deren Adressen Sie beim Gesundheitsamt erfahren können.

Worauf sollten Eltern achten, um Essstörungen vorzubeugen?

Aus den hier nur ansatzweise beschriebenen Ursachen geht hervor, dass bei der Entwicklung von Essstörungen die Erwartungen der Eltern an die Kinder und das Familienklima eine große Rolle spielen.

Hier können sich Eltern selbstkritisch hinterfragen, mit welchen Erwartungen sie ihre Kinder erziehen und ob ihre Ziele auch den persönlichen Eigenheiten und Möglichkeiten ihrer Kinder gerecht werden.

Kinder wollen sich natürlich den Anforderungen stellen und ihren Eltern nacheifern. Deshalb kann es schnell zu Überforderungen oder Fehleinschätzungen kommen, wenn man diese Voraussetzungen aus dem Blick verliert. Leistungsdruck und falscher Ehrgeiz, vielleicht noch gepaart mit zeitlich und emotional gestressten Eltern, sind dabei schlechte Ausgangsbedingungen.

Umgekehrt bedeutet dies, dass

  • Kinder in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrgenommen werden müssen;
  • Kinder intensive Zuwendung und Anerkennung brauchen, um auch Grenzen gegenüber Überforderungen selbst zu erkennen und für sich zu akzeptieren;
  • Kinder ein gesundes Selbstwert- und Körpergefühl entwickeln müssen;
  • Kinder in der Wahrnehmung ihrer Sinne gefördert und gestärkt werden;
  • Kinder Geborgenheit und verständnisvolle Eltern brauchen, die ihnen ein Vorbild sind.

Bei Essstörungen spielen selbstverständlich auch die Essgewohnheiten in der Familie und damit verbundene Familienrituale eine große Rolle.

Kinder, die den Wert einer gesunden Ernährung kennen (auch wenn sie manchmal dagegen rebellieren!) und ein Familienleben erfahren, in dem gemeinsame, möglichst genussvolle Mahlzeiten - zumindest am Wochenende und an Feiertagen - üblich sind, werden die Nahrung und das Essen weniger "missbrauchen" als Kinder, die diese Wertschätzung nicht kennen.

Essen und Süßigkeiten sollten auch nur begrenzt als Belohnung, Druckmittel oder Trostpflaster im Sinne von "Wenn du schön brav bist, bekommst du einen Hamburger!" oder "Sei nicht traurig, hier hast du einen Schokoriegel!" benutzt werden.

Auf der anderen Seite spricht auch nichts dagegen, ab und zu ins Schnellrestaurant zu gehen und das Kind seine Wahl treffen zu lassen.

Ein gesundes Verhältnis zum Essen entwickeln auch Kinder, die ihre Lieblingsessen selbst zusammenstellen und kochen können - also kompetente Ernährungsspezialisten in eigener Sache sind.