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Die geistige Entwicklung

Im Laufe des zweiten Lebensjahrs verfeinert sich das Zusammenspiel der Sinne. Bisher hat das Kind Dinge hauptsächlich durch das Tasten erfasst. Nun tritt das Sehen in den Vordergrund. Das Tasten von Konturen und Strukturen benutzt es, um die optische Wahrnehmung zu überprüfen. Nach und nach kann es den Unterschied zwischen innen und außen, oben und unten, vorne und hinten erfassen.

Das Kind erobert sich den Raum, indem es krabbelt, rauf- und runtersteigt und herumläuft. Die selbstständige Fortbewegung ist Voraussetzung für die Entwicklung des räumlichen Sehens. Sein Gefühl für Abmessungen und Entfernungen wächst. So langweilig es Erwachsenen oft vorkommen mag, wenn das Kind wieder und wieder auf einen Stuhl steigen möchte, es übt und lernt dabei ununterbrochen.

Anfangs deutet das Kind noch auf das, was es sieht, später ersetzt es dies durch Worte. Mit der Entwicklung der Sprache findet die Verknüpfung des Sehens mit Denken und Sprache statt. Das Kind erkennt Dinge aus einem andere Blickwinkel, anderer Entfernung oder anderer Beleuchtung. Auch das Gehör verfeinert sich. Es hört eigene Laute so genau und bewusst, dass es Wörter und Aussprache kontrollieren kann.

Mithilfe der Sprache werden Eigenschaften, Merkmale und Zustände voneinander abgegrenzt und hervorgehoben. Typische Merkmale werden von untypischen unterschieden. Wörter werden noch oft mit der Sache selbst verwechselt.

Nachahmung
Denken
Zeitverständnis/Gedächtnis
Forschungsdrang

Nachahmung

Im zweiten Lebensjahr versteht das Kind, dass man mit bestimmten Gegenständen bestimmte Dinge tut. Die Handlungen der Erwachsenen werden nachgeahmt.

Allerdings sind Handlungen noch an konkrete Einzeldinge gebunden, an denen der Gebrauch demonstriert wurde. Eine Verallgemeinerung ist noch nicht möglich. Beispielsweise lernt es, dass es mit dem Schalter im Wohnzimmer die Lampe anschalten kann.

Langsam kann es die an einem bestimmten Gegenstand erlernten Handlungen von diesem lösen und auf andere Dinge übertragen. Die Erfahrungen werden verallgemeinert und bekommen einen eigenen Wert. Das Kind erkennt, dass auch der Schalter an der Bürolampe, der anders als der im Wohnzimmer aussieht, die Lampe einschaltet.

In den Verhaltensweisen orientiert sich das Kind sehr an den Erwachsenen seiner unmittelbaren Umgebung. Mit wachsender Selbstständigkeit im Umgang mit anderen vergleicht das Kind seine eigenen Handlungen mit denen von anderen. Es kann wählen, ob es sie nachmachen möchte. Die Verhaltensweisen sind nun nicht mehr starr, sondern variabel.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist auch ein Zeichen für ein verändertes Verhältnis des Kindes zu seinen eigenen Handlungen. Es erlebt sie bewusst als persönliche Taten.

Sehr beliebte Spiele in diesem Alter sind Nachahmungsspiele. Das Kind beobachtet einfach alles: Es möchte am Alltag teilnehmen, es möchte auch kehren, kochen oder die Autotür aufschließen. Diese Spiele sind von großem Wert, damit es sich im Alltag orientieren kann.

Denken

Das Kind nimmt unbelebte Gegenstände als lebendig an. "Der Regen ist nett". Es denkt, der Zweck des Regens ist, die Bäume zu gießen. Dass der Regen eine Naturerscheinung ist, die nicht von Menschen erschaffen wurde, kann es noch nicht verstehen. Zunächst geht es davon aus, dass die Erwachsenen verstehen, was es meint, wenn es spricht.

Zunehmend werden Kenntnisse über Beziehungen zwischen den Dingen entwickelt, das Kind kann in die Zukunft schließen: Es klingelt an der Tür, die Tür wird geöffnet, der Postbote kommt. Ein Verständnis für Zusammenhänge ist nun vorhanden. Dieses Verständnis ist noch nicht sehr ausgeprägt. Das Kind denkt zunächst, immer, wenn es klingelt, kommt der Postbote.

Die Annahme, dass alles, was man nicht sieht, auch nicht da ist, lässt das Kind langsam hinter sich. Es spielt lange und gerne das Versteckspiel, bei dem der Spielpartner kurz aus dem Blickfeld verschwindet und plötzlich wieder auftaucht.

Zeitverständnis/Gedächtnis

Dinge, die am Tag vorher geschehen sind, können zurückverfolgt werden. Das Kind kennt die Bedeutung von "jetzt" und "bald". Es kann Ereignisse erwarten, die nicht zu weit in die Zukunft gehen. Die Aussage "in sechs Wochen ist Weihnachten" führt eher zu Frust als zu Vorfreude. Der Adventskranz allerdings, der einen Tag vor dem ersten Advent aufgestellt wird, begeistert. Der abstrakte Begriff "Zeit" kann noch nicht erfasst werden.

Das Gedächtnis des Kindes ist vorläufig noch unwillkürlich. Im Vordergrund steht das Tun. Das Speichern der Erfahrungen findet sozusagen nebenbei statt. Aber: Die Gedächtnisspanne wird größer. Großen Spaß machen einfache Spiele, in dessen Verlauf das Kind sich etwas merken soll. Wichtig ist, keinen Leistungsdruck zu erzeugen.

Forschungsdrang

Jetzt wird probiert, experimentiert, geforscht. Kinder in diesem Alter experimentieren mit Dingen, um zu sehen, was geschieht und welche Eigenschaften sie haben.

Es scheint so, als gingen sie nur experimentierend vor, aber jeder Versuch wird bereits von der Erfahrung gelenkt, die sie bei vorhergehenden Versuchen gewonnen haben. Das Kind entwickelt bestimmte Verfahren des Beobachtens und Untersuchens. Es variiert sein Verhalten, um eine Lösung zu finden.

Es verwendet Hilfsmittel. So zieht es zum Beispiel an der Tischdecke, um an einen Apfel zu gelangen. Klappt dies nicht, kann es sich ein besseres Hilfsmittel suchen, das sich nicht im unmittelbaren Sichtfeld befinden muss: Mit einem Stock kann es sich den Apfel hangeln.

Das Kind möchte einfach alles wissen. Es möchte sich in seiner Welt zurechtfinden. Das Fragealter steht vor der Tür.